Berlin ist immer eine Reise wert
Flanieren in die Vergangenheit
Schon der Aufklärer Friedrich Nicolai, über den Heinrich Heine sagte „In Berlin regieren Friedrich der Große und der Buchhändler Nicolai“, verfasste 1766 eine „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam“. Es war ein Reiseführer für geistig Interessierte. Neben den Berliner Sehenswürdigkeiten vermerkte Nicolai auch jene Ort, wo berühmte Gelehrte wohnten, wo sich erlesene Sammlungen und Bibliotheken befanden. Im 19. Jahrhundert galt Berlin als „Stadt der Intelligenz“. Und nach der Reichsgründung von 1871 entwickelte sich Berlin nicht nur zu Europas größter Industriestadt – von Lissabon bis zum Ural – sondern auch zu einer Metropole der wissenschaftlichen Forschung und Lehre.
In den „Roaring Twenties“ galt Berlin als Kulturmetropole, die neben Paris, London und New York bestehen konnte. 1933 wurde Spree-Athen – widerwillig und widerständig – die Hauptstadt des Dritten Reiches, ungeliebt von dessen Führern. Hier war möglich, was sich im Reich nur wenige trauten. Berlin entwickelte sich zur Hochburg des deutschen Widerstandes – vom proletarischen, bürgerlichen bis zum aristokratischen. In der Zeit der Teilung waren die beiden Berlins interessante Kulturorte. Das alles hat Spuren hinterlassen.
Berlins „Petroleum“ ist seine Kulturgeschichte
Trotz der Zerstörungen des II. Weltkrieges und der Nachkriegszeit gibt es in Berlin genügend Orte, wo ein Flaneur dieses Erbe suchen und finden kann. Es ist an der Zeit, die alte Berliner Tradition des Flanierens neu aufzunehmen. An Berliner Flaneuren hat es zu keiner Zeit gefehlt. Ihre Namen sind gegenwärtig: Friedrich Nicolai, E.T.A. Hoffmann, Theodor Fontane, Julius Rodenberg, Georg Hermann, Franz Hessel, Walther Benjamin und Walter Kiaulehn. Noch heute ist Flanieren eine Art, die Stadt und ihre kulturelle Identität zu studieren. Flanieren verbindet Jogging der Beine mit Gehirntraining. Es ist Vitamin für Körper und Geist und bildet durch Unterhaltung.
In Berlin gibt es viel zu entdecken
Die Berliner Stadt- und Kulturgeschichte ist ein aufgeschlagenes „Buch des Wissens“ – ein Angebot für Berliner und Touristen aus nah und fern. Anregend ist es vor allem für Kulturinteressierte und Neugierige, die es ganz genau wissen wollen. Was sie mitbringen sollten ist Entdeckerfreude und Phantasie, damit aus Fragmenten wieder eine lebendige, anschauliche Welt werden kann.
Welche Touren bieten sich an? Zum einen das Flanieren über den Garten-Campus der Technischen Universität Berlin auf der Suche nach Erinnerungsorten an große Techniker und Naturwissenschaftler, die nachhaltig an dieser Hochschule wirkten: Adolf Slaby, Franz Reuleaux, Alois Riedler, Gustav Hertz, Herta Hammerbacher, Ernst Ruska und Konrad Zuse. Zum anderen ein Rundgang durch die Spandauer Vorstadt in Berlins historischer Mitte zu Orten, die vom kulturellen Leben der Berliner Juden in vier Jahrhunderten erzählen. Vor und hinter dem Spandauer Tor begann sich 1671 eine neue jüdische Gemeinde anzusiedeln, die im Laufe der Dezennien zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Des weiteren das Flanieren über den Berliner „Perè Lachaise“, den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier finden sich viele Erinnerungsorte an die Industrie- und Kulturgeschichte Spree-Athens. Nicht zuletzt begegnen dem Flaneur auf dem Weg vom Gendarmenmarkt zum Hegel-Haus am Kupfergraben viele öffentliche und private Wirkungsorte des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Seine Berliner Jahre von 1818 bis 1831 waren die Zeit seiner größten Erfolge und begründeten seinen Nachruhm.
Hans Christian Förster
