19. Mai 2010

Das zweite Standbein kam zu kurz

Reisen aufs Land zunehmend gefragt

Dies wird kein Sportbericht, auch wenn er mit einem Zahlenspiel beginnt: Was bedeuten 2 000 Rückenkrümmungen in acht Stunden? Rein mathematisch: 250 pro Stunde und noch weiter zerkleinert 4,16 Beugungen pro Minute.

Vielleicht macht diese Rechnung  deutlich, was für eine   Leistung die Spargelstecher in Klaistow – der Metropole des Beelitzer Spargelzentrums – vollbringen.  Dazu kommt noch ein täglicher Marsch  von einigen Kilometern  durch die Spargelreihen, ständig unterbrochen  mit einem Stechen der Weißköpfe und Schließen  der Hügellöcher.

Horst Schwartz, Journalist, Marlene Mortler, MdB, Tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ute Mushardt, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, und Ernst-August Winkelmann, Inhaber des Spargel- und Erlebnishofes Klaistow (v.l.n.r./Foto: Uwe Creutzmann)

Horst Schwartz, Journalist, Marlene Mortler, MdB, Tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ute Mushardt, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, und Ernst-August Winkelmann, Inhaber des Spargel- und Erlebnishofes Klaistow (v.l.n.r./Foto: Uwe Creutzmann)

Allen Respekt für Geschäftsführer Winkelmann, wenn er gerade diese Belastung  seiner Erntehelfer aus Polen, Rumänien, der Ukraine und neuerdings aus Bulgarien würdigt und daraus für sein Unternehmen soziale Fürsorge wie eine angemessene betriebliche Unterbringung , Verpflegung  und Vergütung ableitet. Übrigens Prinzipien, die  für das einheimische Personal aus der Region selbstverständlich  gelten und bei diesem volle Anerkennung finden. Eine bessere Ehrung kann das von dem westdeutschen Gespann Jörg Buschmann und Ernst-August Winkelmann  1990 gegründete Unternehmen  zu seinem 20. Geburtstag  gar nicht erfahren.

Doch Klaistow sollte beim diesmaligen Journalistentreff  in erster Linie für Urlaub auf dem Bauernhof stehen. Wie weit ist dieser Buschmann/Winkelmann-Betrieb eigentlich einem Bauernhof ebenbürtig ?  Nun, ein Spezialbetrieb für Spargel, Erd- und Heidelbeeren sowie Kürbisse  hat sicher ein eigenes Gesicht. Zugleich lockt er  mit seinem familienfreundlichen Konzept erfolgreich die Bürger der nahen Hauptstadt zu Tagesbesuchen. Das Konzept  bietet den Eltern Gaumenfreuden und den Kindern  Unterhaltungsfreuden in einer naturnahen Umwelt  mit heimischen Haus- und Wildtieren.

Im Sinne der Touristik über mehrere Tage scheint das Konzept etwas eng gefasst. Da definiert sich Urlaub auf dem Bauernhof deutlich als Einheit von Schlafquartier mit garantiertem (Bauern)Frühstück, zum Teil ergänzt durch ein gut bäuerliches Mittagsmahl und häufig auch mit einem hausgemachten Abendessen. Diese Erwartungen  äußert einer, der ganz bewusst  nicht mit dem Aushängeschild „ Journalist“ in Dörfern einkehrte, sondern als Privatperson oder Familie solche bauernhöfische Ferientage  in Baden-Württemberg, Bayern und der österreichischen Steiermark  verbracht und „studiert“ hat.

So gesehen, möchte man diesmal  schon mehr wissen über das weitere Geschehen im ländlichen Urlaubsbereich. Eine ausgedehnte Darstellung von bürokratischen Hürden, wie  sie sich in der freundlich geführten Talkrunde vom Journalistenkollegen Horst Schwartz ergab, ist zwar nicht auszuschließen, dürfte bloß nicht bestimmend bleiben. Selbst wenn die eigenen Erfahrungen der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft für Landtourismus,  Ute Mushardt , zu Hause in  der Nähe von Cuxhaven,  bei der beabsichtigten baulichen Ausdehnung  ihres Urlaubsangebotes  mit staatlich verordneten  „Ferienhäusern auf Rädern“ auf alle Journalistenohren besonders kurios gewirkt haben mögen, weil solche Erweiterungsbauten  auf festem solidem  Fundament nicht genehmigt worden sind. Die ganze Debatte blieb somit zu sehr in  Einzelfällen stecken. Und auch die verehrte Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler aus Lauf bei Nürnberg wusste als Tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion  keine gesamtstaatliche Sicht zum „Urlaub auf dem Bauernhof“ in Qualität und Angebotsvielfalt darzustellen.

Warum wurde zusätzlich nicht gefragt: Was wird eigentlich von der Tatsache gehalten, dass zwei Bundesministerien – das für Wirtschaft und das für Agrar – sich mit Landtourismus befassen? Sei es wie es sei: Unter anderem könnte dies  ein Grund für so manche, zu recht beklagte bürokratische Wucherung sein.

Das ändert aber nichts daran, prinzipiell die unbestreitbaren Vorteile des zweiten Standbeines für die bäuerliche Welt deutlich zu machen.

Werner B. Hoppe

Tourismus Dialog Berlin