Das zweite Standbein kam zu kurz
Reisen aufs Land zunehmend gefragt
Dies wird kein Sportbericht, auch wenn er mit einem Zahlenspiel beginnt: Was bedeuten 2 000 Rückenkrümmungen in acht Stunden? Rein mathematisch: 250 pro Stunde und noch weiter zerkleinert 4,16 Beugungen pro Minute.
Vielleicht macht diese Rechnung deutlich, was für eine Leistung die Spargelstecher in Klaistow – der Metropole des Beelitzer Spargelzentrums – vollbringen. Dazu kommt noch ein täglicher Marsch von einigen Kilometern durch die Spargelreihen, ständig unterbrochen mit einem Stechen der Weißköpfe und Schließen der Hügellöcher.

Horst Schwartz, Journalist, Marlene Mortler, MdB, Tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ute Mushardt, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, und Ernst-August Winkelmann, Inhaber des Spargel- und Erlebnishofes Klaistow (v.l.n.r./Foto: Uwe Creutzmann)
Allen Respekt für Geschäftsführer Winkelmann, wenn er gerade diese Belastung seiner Erntehelfer aus Polen, Rumänien, der Ukraine und neuerdings aus Bulgarien würdigt und daraus für sein Unternehmen soziale Fürsorge wie eine angemessene betriebliche Unterbringung , Verpflegung und Vergütung ableitet. Übrigens Prinzipien, die für das einheimische Personal aus der Region selbstverständlich gelten und bei diesem volle Anerkennung finden. Eine bessere Ehrung kann das von dem westdeutschen Gespann Jörg Buschmann und Ernst-August Winkelmann 1990 gegründete Unternehmen zu seinem 20. Geburtstag gar nicht erfahren.
Doch Klaistow sollte beim diesmaligen Journalistentreff in erster Linie für Urlaub auf dem Bauernhof stehen. Wie weit ist dieser Buschmann/Winkelmann-Betrieb eigentlich einem Bauernhof ebenbürtig ? Nun, ein Spezialbetrieb für Spargel, Erd- und Heidelbeeren sowie Kürbisse hat sicher ein eigenes Gesicht. Zugleich lockt er mit seinem familienfreundlichen Konzept erfolgreich die Bürger der nahen Hauptstadt zu Tagesbesuchen. Das Konzept bietet den Eltern Gaumenfreuden und den Kindern Unterhaltungsfreuden in einer naturnahen Umwelt mit heimischen Haus- und Wildtieren.
Im Sinne der Touristik über mehrere Tage scheint das Konzept etwas eng gefasst. Da definiert sich Urlaub auf dem Bauernhof deutlich als Einheit von Schlafquartier mit garantiertem (Bauern)Frühstück, zum Teil ergänzt durch ein gut bäuerliches Mittagsmahl und häufig auch mit einem hausgemachten Abendessen. Diese Erwartungen äußert einer, der ganz bewusst nicht mit dem Aushängeschild „ Journalist“ in Dörfern einkehrte, sondern als Privatperson oder Familie solche bauernhöfische Ferientage in Baden-Württemberg, Bayern und der österreichischen Steiermark verbracht und „studiert“ hat.
So gesehen, möchte man diesmal schon mehr wissen über das weitere Geschehen im ländlichen Urlaubsbereich. Eine ausgedehnte Darstellung von bürokratischen Hürden, wie sie sich in der freundlich geführten Talkrunde vom Journalistenkollegen Horst Schwartz ergab, ist zwar nicht auszuschließen, dürfte bloß nicht bestimmend bleiben. Selbst wenn die eigenen Erfahrungen der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft für Landtourismus, Ute Mushardt , zu Hause in der Nähe von Cuxhaven, bei der beabsichtigten baulichen Ausdehnung ihres Urlaubsangebotes mit staatlich verordneten „Ferienhäusern auf Rädern“ auf alle Journalistenohren besonders kurios gewirkt haben mögen, weil solche Erweiterungsbauten auf festem solidem Fundament nicht genehmigt worden sind. Die ganze Debatte blieb somit zu sehr in Einzelfällen stecken. Und auch die verehrte Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler aus Lauf bei Nürnberg wusste als Tourismuspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion keine gesamtstaatliche Sicht zum „Urlaub auf dem Bauernhof“ in Qualität und Angebotsvielfalt darzustellen.
Warum wurde zusätzlich nicht gefragt: Was wird eigentlich von der Tatsache gehalten, dass zwei Bundesministerien – das für Wirtschaft und das für Agrar – sich mit Landtourismus befassen? Sei es wie es sei: Unter anderem könnte dies ein Grund für so manche, zu recht beklagte bürokratische Wucherung sein.
Das ändert aber nichts daran, prinzipiell die unbestreitbaren Vorteile des zweiten Standbeines für die bäuerliche Welt deutlich zu machen.
Werner B. Hoppe
