28. Jan 2009

Deutschlandurlaub

Reiselust (un)gebrochen?

Die Tourismusbranche macht keine Ausnahme. Die Sorgen, ob die Deutschen wie gewohnt in den Urlaub fahren und ausreichend ausländische Gäste ins Land kommen, sind im Krisenjahr 2009 besonders groß. Und keiner der Experten will eine Prognose über die Auslastung von Hotels oder Ferienwohnungen wagen.

Deutschlandurlaub
Peter Siemering, Vizepräsident des Deutschen Tourismusverbandes; Klaus Brähmig, MdB, Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages; Ernst Hinsken, MdB, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung; Gerhard Kirsch, Tourismus Dialog – Podium v. l. n. r. (Foto: Agentur Baganz)

Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU), bemühte auf dem Medientreff des Tourismus Dialog Berlin am 28. Januar 2009 im MARITIM Hotel Berlin sogar seinen Landsmann, den bayerischen Kabarettisten Karl Valentin, der schon vor Jahrzehnten heraus fand, dass die Zukunft auch nicht mehr das sei, was sie war. Dennoch will der Konditor und Bäckermeister keinen Pessimismus aufkommen lassen. Er setzt auf größere Kaufkraft durch das Konjunkturpaket und geht davon aus, „dass die Deutschen sich auch in Krisenzeiten ihren Urlaub nicht nehmen lassen“. Sie seien schließlich mit jährlichen Ausgaben von 62,2 Mrd. Euro für Erholung und Ferien im Jahr 2007 (2006: 58,9) wieder Reiseweltmeister geworden. Der Tourismus werde gut durch die Krise kommen.

Der Vize-Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV), Peter Siemering, stimmte Hinsken zu. Auch er rechnet nicht mit einem Minus für die Branche und sagt trotz aller Unsicherheiten voraus, dass sich der Deutschland-Tourismus erneut behaupten werde. Zwar sei kein Zuwachs von rund zwei Prozent wie im vergangenen Jahr zu erwarten, aber ein Rekordergebnis wie 2008, als allein in den ersten zehn Monaten knapp 326 Millionen Übernachtungen gezählt wurden, hält Siemering trotz des Krisenszenarios für möglich.
Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Tourismus in der Unionsfraktion im Bundestag, Klaus Brähmig (CDU), will sogar eine leichte Steigerung nicht ausschließen.

Dafür allerdings könnten die rund 250 000 Unternehmen in der Hotellerie und Gastronomie noch Unterstützung gebrauchen. So beklagt Siemering, dass sämtliche Versuche, die Ferientermine in den einzelnen Bundesländern zeitlich besser abzustimmen, bislang gescheitert seien. Das zeige, wie wichtig ein Tourismusgesetz ist. Hinsken will sich stark machen, für Hotels und Gastronomie den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent durchsetzen, wie es in den europäischen Nachbarländern gang und gebe sei. Die gegenwärtigen preislichen Unterschiede bedeuteten für die deutsche Tourismuswirtschaft erheblichen Wettbewerbsnachteil in der Europäischen Union (EU), betont Hinsken. Für ihn stehe die Lösung dieses Problem „ganz oben auf der Agenda“. In Deutschland sei inzwischen die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus erkannt worden. Immerhin gebe es in der Branche über 2,8 Millionen Beschäftigte. Sie sei eine „Jobmaschine“ geworden. Im Dienstleistungsbereich rangiere der Freizeitsektor gleich nach dem Gesundheitswesen an zweiter Stelle.

Einig waren sich die drei Tourismusexperten auch darüber, dass die Angebote für ausländische Besucher attraktiver werden müssten. Die Vermarktung Deutschlands als Reiseland müsse deutlich verbessert werden. Tourismus sei längst nicht nur Reisen, sondern ebenso Bildung, so die einhellige Meinung. So will Hinsken vor allem mehr Touristen aus China mit über 30 Millionen Dollar-Millionären anlocken. Gegenwärtig sei es so, dass die Besucher aus dem Reich der Mitte erst Rom und Paris aufsuchten. „Und wenn sie kein Geld mehr haben, dann kommen sie nach Deutschland“, beschreibt er das tourismuspolitische Dilemma. Er habe sich schon beim chinesischen Tourismusminister He Guangwei dafür eingesetzt, die Reiseroute genau umgekehrt zu legen. Auch sei der beliebteste Besuchsort für die Chinesen nicht etwa Weimar oder Heidelberg, sondern wegen des Geburtshauses von Karl Marx die Stadt Trier.

Erheblichen Nachholbedarf sieht Brähmig beim Urlaub für Behinderte. Das gelte auch für seinen eigenen Wahlkreis Sächsische Schweiz und Ost-Erzgebirge. Im Juni will der Tourismusausschuss des Bundestages in Sachsen erkunden wie es im Freistaat damit steht.

Peter Koard


Wir wussten´s ja schon immer

Das war wieder ein informatives Forum im Maritim Hotel Berlin und mit sehr kompetenten Gesprächspartnern besetzt.
„Reserve“-Moderator Gerhard Kirsch versuchte immer wieder, das Thema noch mehr zuzuspitzen – aber nur mit Teilerfolg.

So erfuhr das Auditorium zumindest etwas über die diesjährigen Reisepläne der Experten: Ernst Hinsken (MdB) düst als Wahlkämpfer durch den Freistaat Bayern und will sich dann 14 Tage ruhigen Familienurlaub gönnen. Klaus Brähmig (MdB) versteht sich als Dienstleister seiner sächsischen Wähler, macht aber Urlaub in Franken und wandert durch Südtirol. Peter Siemering vom Deutschen Tourismusverband bleibt als Bremer dem Norden treu, schippert per Boot durch Mecklenburg-Vorpommern und entspannt danach auf Sylt.

Die touristischen Neuheiten der Bundesregierung hießen unter anderem Testreisen für Urlauber mit Handicap und Forderungen nach einem Tourismusgesetz der Länder. Letzteres würde noch mehr Bürokratie für die zweitwichtigste Branche in Deutschland bedeuten.

An die Adresse der (leider immer wieder) kompliziert fragenden Journalisten im Saal sei angemerkt: Jeder Volontär lernt bereits, dass eine Frage aus max. drei Sätzen besteht, wobei der letzte mit einem Fragezeichen endet!
Außerdem nerven ständige Folklore- und persönliche Betroffenheitsberichte der Fragesteller nicht nur das Auditorium, sondern auch die Experten im Podium.
In diesem Sinne: back to the Neugierde!

Günter Knackfuß
Freier Journalist

Tourismus Dialog Berlin